Villa Paletti

Man nehme einen beliebigen Spielejahrgang, ignoriere bis auf einen Alibi-Titel jedes anspruchsvolle Produkt, setze den Rest auf die Auswahlliste "Spiel des Jahres" - und fertig ist der vermeintliche Beleg für den Trend "zu Spielen mit einfachem Einstieg und schlanken Strukturen". Villa Paletti heißt der jüngste Träger des begehrten Preises, ein einfaches Spiel in der Tat, und entstammt einem sympathischen kleinen Verlag, dem man die Auszeichnung so recht von Herzen gönnt: Eine Holzvilla sollen wir darin errichten, aus fünf Etagenböden und zwanzig Säulen in den Spielerfarben. Die platzieren wir nach Gusto auf dem Fundament, bedecken sie mit dem größten Brett und erwürfeln der Fairness halber, wer welche Farbe übernimmt. Nun ziehen wir reihum unsere Säulen hervor, notfalls mittels eines Häkchens, und setzen sie eine Etage höher wieder ab. Einigen gelingt das besser als anderen, teils, weil ihre Farbe am Rand steht und mithin leichter zu erreichen ist und teils, weil nicht alle Säulen gleich hoch sind. Absicht? Versehen? Die Differenz ist minimal, aber oft genug entscheidend. Das Lupfen der Plateaus ist zwar erlaubt, gefährdet aber die Statik, weshalb wir im Zweifelsfall besser ein neues Stockwerk beginnen - wären da nicht unsere Mitspieler:
Bezweifeln sie, dass wir keine Säule mehr entfernen können, muss einer von ihnen den Gegenbeweis antreten. Gelingt er, ist unsere Säule futsch; hat sich der Zweifler geirrt, verliert er selbst eine, wir dürfen aufstocken, und der nachfolgende Spieler erhält für die erste Säule der Ebene automatisch das Baumeistersiegel des Führenden. Leider ereilt unsere Villa dabei häufig der Kollaps, was das Spiel unter ohrenbetäubendem Lärm zu einem genauso unvermittelten wie unbefriedigenden Ende bringt. Sieger ist dann der Besitzer des Baumeistersiegels - oder dessen Vorbesitzer, falls der Inhaber den Einsturz verursacht. Aber selbst, wenn auf der letzten Etage die Säulenpunkte entscheiden, bleibt Ratlosigkeit, warum gerade dies das "Spiel des Jahres" sein soll. Wo, bitteschön, sind denn hier die von den Juroren zum Kriterium erhobenen "neuen Ideen"? Oder wo werden bekannte Elemente zumindest zu einem "neuen Erlebnis" verknüpft? Auf Geschicklichkeit kommt es halt an, wie schon so oft; Taktik beschränkt sich allein auf das Zubauen fremder Säulen und bringt gar nichts, wenn der Bau zusammenkracht. Kindern mag das ja genügen, die stört auch nicht der Radau; aber als Erwachsener muss man schon ein ausgeprägtes Faible für Bauspiele besitzen oder angeheitert sein - und selbst dann freut sich niemand über Holzklötze im Bier. Doch das "Spiel des Jahres" ist eben ein Kritikerpreis, und die Wege der Jury sind unergründlich. © 2002

Für 2 bis 4 von Bill Payne und Victor Boden (Grafik) bei Zoch (089/520574-0)für 30 €.


geht so


Wertung:
Die Skala reicht von super (6 Raketen) über schön (5 Raketen), nett (4 Raketen), geht so (3 Raketen), bescheiden (2 Raketen) bis daneben (1 Rakete).

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