Puerto Rico

Wenn Scharen dunkler Menschen auf Segelschiffen über den Atlantik verfrachtet werden, um auf den Plantagen der neuen Welt zu schuften, darf man wohl skeptisch sein, ob es sich dabei nur um Kolonisten handelt, wie die Regeln frech behaupten. Sei's drum, nehmen wir diesen Ausrutscher als hilflosen Ausdruck übertriebener Political Correctness und schauen, wie wir als Kolonialherr im sonnigen Puerto Rico zu Wohlstand gelangen. Sieben Berufe vom Händler bis zum Aufseher (haben wir's uns doch gedacht!) stehen zur Wahl, und jede Rolle erlaubt eine Aktion, allen Spielern dieselbe und dem Startspieler noch ein Privileg. So erzeugen wir auf separaten Spielplänen Rohstoffe, errichten Hallen, in denen wir sie lagern, Betriebe zum Veredeln, verkaufen das Endprodukt vor Ort gegen Bares oder verschiffen es für Siegpunkte in die alte Welt. Viele Möglichkeiten sind das, weshalb wir unsere Aktionen zielgerichtet einsetzen müssen, um eine funktionierende Produktionskette zu schaffen. Weil aber alle immer dasselbe dürfen ist es wichtig, die richtige Rolle zur rechten Zeit einzusetzen und im entscheidenden Moment eben auch das Privileg. Bekommen wir die notwendige Karte aber nicht,
müssen wir uns bis zur nächsten Runde gedulden und das kann dauern. Ein schnelles Spiel ist Puerto Rico nämlich nicht, ganz im Gegenteil: Sehr ruhig geht es hier zu, herrlich ruhig, wie viele finden, denn wir spielen nicht gegen- sondern nebeneinander und arbeiten im Stillen an der Infrastruktur unserer Kolonien. Auf manche wirkt so viel Gelassenheit dann schonmal einschläfernd, es fehlen all die fröhlichen Scherze und wohldosierten Gemeinheiten, durch die auch ein anspruchsvolles Spiel erst spielerisch wird, und auch die funktionelle, aber uninspirierte Grafik bietet wenig, woran sich das suchende Auge erquicken könnte. "Kleinigkeiten!" mögen jene rufen, die den vollendeten Spielmechanismus hinter der unscheinbaren Fassade bewundern, und auch derer gibt es viele. Aber mal ehrlich: Ist das wirklich Spaß? Zufriedenheit über die eigene Leistung mag es ja vermitteln, nach knapp zwei Stunden Denk-Arbeit das gewünschte Resultat erzielt zu haben - ganz ähnlich der Zufriedenheit, die man über die Lösung einer schwierigen Rechenaufgabe empfindet. Aber Spaß? So muss man wohl der richtige Spielertyp sein, um Puerto Rico wirklich zu genießen; mehr der stille Denker, der keiner künstlichen Dramatik und schicksalhaften Wendungen bedarf. Dann allerdings ist es nicht mehr Arbeit, sondern wahrscheinlich eines der besten Spiele der ... na, sagen wir Saison. © 2002

Für 2 bis 4 von Andreas Seyfarth und Franz Vohwinkel (Grafik) bei Alea für 26 €.


schön


Wertung:
Die Skala reicht von super (6 Raketen) über schön (5 Raketen), nett (4 Raketen), geht so (3 Raketen), bescheiden (2 Raketen) bis daneben (1 Rakete).

zurück zur Spielkritik