Das Prestel Architekturspiel

Oft sind es Fragen, die wir uns selber stellen, die von beginnenden Altersdefiziten künden. Etwa: Bin ich noch attraktiv? Oder: In welchem Stapel steckt noch gleich das letzte Stück vom Kolosseum? Auch wenn wir mit uns äußerlich zufrieden sind: Nachlassende Gedächtnisleistung legt Das Prestel Architekturspiel schonungslos offen. Schlimmer noch: Auch unser Reaktionsvermögen darf nicht altersbedingt oder sonstwie beeinträchtigt sein, wenn wir beim Sammeln berühmter Bauwerke eine Chance haben wollen. Vier von 24 liegen als "Bauauftrag" immer offen auf dem Tisch, wo wir sie mit Puzzlestücken aus verdeckten Kartenstapeln nachbauen sollen. Dazu genügen in aller Regel drei Teile, doch die zu finden erfordert Schnelligkeit und Konzentration: Auf Kommando durchsuchen wir einen von fünf Stapeln nach Karten, die zu den offenen Bauaufträgen passen. Eine nehmen wir zu unseren anderen beiden Karten auf die Hand, alle übrigen aber prägen wir uns gründlich ein und legen sie blitzschnell zurück. Die Reihenfolge hierbei bestimmt nämlich zugleich die Zugreihenfolge für die nächste Runde - und die kann entscheidend sein, wenn wir wissen, wo eine bestimmte Karte
zu finden ist. Haben wir also eine entdeckt, die zu einem offenen Bauauftrag passt, legen wir sie auf der entsprechenden Tafel ab und markieren sie mit einem unserer Chips. Passt sie nicht, schieben wir sie unter einen beliebigen Stapel zurück und merken uns für später, unter welchen. Dabei nun den Überblick zu behalten ist schon relativ schwierig, doch dass Bauteile auch noch doppelt zählen, wenn wir mit ihnen einen Auftrag beenden, macht es noch um einiges schwieriger. Denn stellen wir unter verschärftem Zeit- und Leistungsdruck auch noch taktische Erwägungen darüber an, wann wir eine Karte am besten spielen, entsteht eine fast prüfungsähnliche Stresssituation, die mit Spielen nur noch wenig gemein hat - mit Gedächtnistraining aber eine ganze Menge. Und damit haben wir auch schon den Kern der Sache erfasst: Dies ist nicht irgendeine seichte Zerstreuung, nicht einmal anspruchsvolle Unterhaltung, sondern von der ganzen Anlage eine intellektuelle Herausforderung von beträchtlicher Eleganz und Vielschichtigkeit. Selbst das Architekturthema ist kein Selbstzweck, sondern wird durch ein aufwändig gedrucktes Beiheft mit historischem Fachwissen untermauert. Eine Qual ist derlei Ernsthaftigkeit für allseits zerstreute Geister, und eine Demütigung für jene, die trotz aller Anstrengung versagen. Ein besseres mentales Training aber hat's im Reich der Spiele lange nicht gegeben. © 2003

Für 2 bis 5 von Thomas Fackler und Gottfried Müller (Grafik) bei Prestel (089/3817090) für 30 €.


schön


Wertung:
Die Skala reicht von super (6 Raketen) über schön (5 Raketen), nett (4 Raketen), geht so (3 Raketen), bescheiden (2 Raketen) bis daneben (1 Rakete).

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