Guillotine

Manche Spiele bestechen durch einen innovativen Mechanismus, hohen strategischen Anspruch oder regeltechnische Feinheiten. Guillotine nicht. Der Mechanismus ist simpel und verlangt nicht mehr, als Adlige, die vor dem Fallbeil Schlange stehen, der (Karten-)Reihe nach zu köpfen. Auch von strategischem Anspruch kann keine Rede sein, denn geköpft wird immer und automatisch; allein durch Aktionskarten können wir - in begrenztem Maße - die Reihenfolge der Schafottanwärter verändern, damit die edelsten in unserem Zug ganz vorne liegen. Die Regeln dazu sind nicht einmal besonders ausgefeilt; niemand schreibt uns vor, wie viele Karten wir auf der Hand zu halten haben, und einzelne bringen das Spiel sogar aus der Balance. Wie also kann es sein, das dieses einfache, um nicht zu sagen banale und auch noch handwerklich unvollkommene Spiel trotzdem mordsmäßig Spaß macht? Ein glückliches Zusammentreffen ist der Grund, nämlich jenes, dass hier Thema, Spielprinzip, Ausstattung und Grafik so wundervoll Hand in Hand gehen, dass sie alle zusammen eben mehr sind als die Summe ihrer Teile. Wo zum Beispiel hat man zuletzt ein derart makabres Sujet wie die Hinrichtungsorgien der französischen Revolution
so hinreißend respektlos in Szene gesetzt? Sogar eine kleine Guillotine aus Pappe liegt bei, die unmissverständlich klar macht, an welchem Ende der Kartenreihe Köpfe rollen, und die unverändert aus dem amerikanischen Original übernommenen Kartenillustrationen setzen dem morbiden Vergnügen die Krone auf. Kein Wunder, dass das blutrünstige Treiben dann irgendwann in ein nicht minder skrupelloses Gegeneinander am Spieltisch mündet; etwa, wenn unsere Aktionskarte einen Mitrevoluzzer mal wieder zur Enthauptung eines Volkshelden zwingt. Sowas schätzt der Pöbel nicht und lässt den Täter mit Punktabzug büßen, was der uns natürlich heimzahlt, worauf wir wiederum Rache schwören, weshalb er... Wohlgemerkt: Wir müssen schon eine gewisse Bereitschaft mitbringen, mal einen Gang zurückzuschalten und dem organisierten Chaos seinen Lauf zu lassen. Wie sonst sollte man angesichts von Aktionskarten bei Laune bleiben, die ihrem Besitzer erlauben, allen anderen das Ausspielen von Karten bis auf weiteres zu verbieten? Ungeübten könnte das den Spaß verderben, und mit einem anderen Thema, einer anderen Grafik vielleicht auch uns. Aber so, wie es nunmal ist, verschafft Guillotine zumindest den Erfahrenen ein halbes Stündchen Urlaub von allem Anspruch, aller Feinheit und Innovation; und so, wie es ist, erfüllt es diesen Zweck perfekt. © 2003

Für 2 bis 5 von Paul Peterson und Quinton Hoover / Mike Raabe (Grafik) bei Amigo für 10 €.


super


Wertung:
Die Skala reicht von super (6 Raketen) über schön (5 Raketen), nett (4 Raketen), geht so (3 Raketen), bescheiden (2 Raketen) bis daneben (1 Rakete).

zurück zur Spielkritik