Age of Steam

Wenn die Modelleisenbahn auf dem Dachboden verschwunden ist, kann das an Platzmangel liegen, an Zeitnot oder an der Einsicht, dass es Interessanteres gibt als zuzusehen, wie eine Spielzeuglok im Kreis fährt. Strategiespiele zum Beispiel; und gut möglich, dass dabei dann doch irgendwann wieder die Eisenbahn auf den Plan tritt - einen spartanischen in diesem Fall, denn grafisch hat Age of Steam nicht viel zu bieten. Das hat man oft bei anglo-amerikanischen Spielen; schon seltener so stabiles und sauber gestanztes Spielmaterial wie hier, sorgfältig in Deutschland gefertigt, wo derlei Qualität zu Hause ist. Dieselbe Sorgfalt hätten wir uns auch für die deutsche Regelübersetzung gewünscht, mit der ein Unglücksmensch mehr Verwirrung gestiftet als Klarheit geschaffen hat: "Kacheln" sollen wir verlegen, womit er Gleiskärtchen meint, auf denen es gerade Stücke gibt und gebogene sowie "Crossings" und "Coexists", "einfach" oder "komplex". Das klingt nach Soziologie, meint aber Schienen, mit denen sich Parallelstrecken und Kreuzungsweichen bauen lassen. Aus all dem schaffen wir - ausgehend von einer beliebigen nordamerikanischen Metropole - ein Städte
verbindendes Netz, um Waren zu befördern, Geld zu verdienen und den Wert unserer Bahngesellschaft zu mehren. Das ist anspruchsvoll, aber nicht schwierig, wenn wir tun, wie uns geheißen: Aktien ausgeben, Spielerreihenfolge bestimmen, Aktionen wählen, Schienen verlegen, Güter transportieren, Einkommen sammeln, Ausgaben bezahlen und noch mehr. Viel zu tun, zugegeben, aber klar strukturiert und mit ein wenig Unternehmergeist ohne weiteres zu bewerkstelligen. Die Aktien verschaffen uns Geld für Investitionen. Damit können wir um die Spielerreihenfolge steigern, von der unsere Aktion abhängt, und unser Schienennetz erweitern. Für farbige Güter, die wir zu einer gleichfarbigen Stadt transportieren, erhalten wir weiteres Geld, müssen aber unsere laufenden Betriebskosten zahlen und für jede ausgegebene Aktie eine Dividende. Das zwingt anfangs zum Schulden machen, und wohl dem, der nicht daran erstickt. Ist das Break Even aber erreicht, nimmt unsere Eisenbahn auch ökonomisch Fahrt auf, und das strategische Element der Streckenplanung weicht einem herrlich taktischen Güterverschieben um den größten Profit. Wer nach Anspruchsvollem lechzt, wird Age of Steam lieben: spannend, vielseitig - ein Lehrstück in Sachen Strategiespiel, gewürzt mit einer Prise Pioniergeist. Und wer's nicht mag, soll halt die Modelleisenbahn vom Dachboden holen. © 2003

Für 3 bis 6 von Martin Wallace und Peter Dennis (Grafik) bei Warfrog/Winsome Games (USA 001-412/2440599) für ca. 30 €.


super


Wertung:
Die Skala reicht von super (6 Raketen) über schön (5 Raketen), nett (4 Raketen), geht so (3 Raketen), bescheiden (2 Raketen) bis daneben (1 Rakete).

zurück zur Spielkritik