Niemand ist unschuldig. Na gut, anfangs schon, wenn erst ein einziges Mordopfer zu beklagen ist, wir unser Alibi zu Protokoll gegeben haben und die Polizei mit den Ermittlungen beginnt. Zu diesem Zeitpunkt klebt nur einem von uns Blut an den Händen. Doch das ändert sich bald.
Bis zur Gerichtsverhandlung sind es noch einige Tage, und in dieser Zeit sehen wir alle uns mit immer neuen Anschuldigungen konfrontiert. Zeugen stellen unsere Alibis in Frage, Gegenstände aus unserem Besitz tauchen am Schauplatz des Verbrechens auf, und immer weiter werden wir in den Mordfall verstrickt - bis uns nur noch Lug, Trug, Bestechung und Mord davor bewahren können, für das erste Verbrechen verurteilt zu werden, das eine, mit dem wir vielleicht wirklich nichts zu tun hatten. Ein wasserdichtes Alibi würde natürlich helfen, aber das zu bekommen ist fast unmöglich …
Brettspiel oder Rollenspiel?
Auf den ersten Blick sieht "Accused!" wie ein normales Brettspiel aus: ein Spielfeld, das die Häuser einer nächtlichen Kleinstadt zeigt, durch Straßen miteinander verbunden, darauf Spielfiguren, die wir mit Würfeln von Feld zu Feld ziehen und drumherum allerlei Karten. Auf der Hand halten wir noch mehr davon: Unschuldskarten - wenige, allzu wenige -, dazu mehr als reichlich Schuldkarten. Sie müssen wir loswerden, egal wie, und zugleich diejenige Unschuldkarten auf die Hand bekommen, die das Alibi bestätigen, das wir uns vor der Partie ausgedacht und auf einem Stück Papier zu Protokoll gegeben haben. Denn hier endet die gewohnte Brettspiel-Normalität: Wie in einem Rollenspiel denken wir eine Geschichte aus, die möglichst originell zusammenfasst, warum wir uns am Abend des Mordes an drei zufällig ermittelten Orten aufgehalten haben.
Die Jagd beginnt
Die Unschuldskarten dieser Orte gilt es nun zu finden, und wenn schon nicht alle, dann doch wenigstens so viele wie möglich. Zwei vom selben Ort sind für den betreffenden Teil der Geschichte ein wasserdichtes Alibi, eine hilft schon, reicht aber alleine noch nicht aus.
|
Denn ist der erste Spieler der Meinung, genügend Beweise seiner Unschuld gesammelt zu haben, begibt er sich zur Polizeiwache und läutet damit eine Endrunde ein, in der sich jeder, der kein wasserdichtes Alibi besitzt, nun möglichst glaubwürdig herausreden muss.
Einen trifft es immer
Reihum trägt einer nach dem anderen seine Alibigeschichte vor und untermauert sie durch das Aufdecken der gesammelten Unschuldskarten. Allein: Die übriggebliebenen Schuldkarten lassen sich nicht wegdiskutieren, darum kommt es jetzt auf die Geschworenen an, denn sie befinden über den wahren Täter. Und die Geschworen sind wir selbst, und so müssen wir nun übereinander richten. Nur wer dreimal zwei passende Unschuldskarten vorlegen kann, ist aus dem Schneider. Alle übrigen aber müssen sich gegenseitig von ihrer Unschuld überzeugen. Einen trifft's am Ende, aber das muss nicht mal derjenige mit der schlechtesten Story sein oder den unpassendsten Karten sein: Insgeheim schreiben wir gleichzeitig auf ein Stück Papier, wen wir des Mordes bezichtigen, und das Mehrheitsvotum entscheidet.
Der Mörder? Ich?!
Für Neulinge bei diesem Spiel ist das sehr gewöhnungsbedürftig, denn letzten Endes bleibt es unserer Willkür überlassen, über wen wir das Urteil sprechen. Mehr noch: Zu Beginn müssen wir alle eine verdeckte Täterkarte ziehen, die wir erst nach dem Urteilsspruch ansehen dürfen und die einen von uns - zu seiner eigenen Überraschung - als den wahren Mörder entlarvt. Das ist nun ein ganz und gar überflüssiger Wurmfortsatz der Mordgeschichte, denn weil die Täterkarte bis zum Schluss verborgen bleibt, kann man weder bluffen, noch übt sie sonst irgendeinen Einfluss auf das Spielgeschehen aus. Als Brettspiel in mancher Hinsicht zu beliebig und als Partyspaß zu komplex, bietet "Accused!" trotz seiner unbestreitbaren Defizite dennoch einigen Unterhaltungswert. Schnell verstanden, schnell gespielt und optisch liebevoll aufgemacht, bringt es jede Runde neue, unvorhergesehene Wendungen, überraschen wir uns immer wieder gegenseitig mit niedertächtigen Winkelzügen. Schadenfreude ist halt manchmal wirklich die schönste Freude, und von der gibt es hier mehr als genug.
© 2009
|