Nie waren die Spieletage so international: mehr als 40 Prozent der 760 Aussteller waren aus dem Ausland zur weltweit größten Publikumsmesse rund ums Spiel in die Essener Messehallen gekommen – zumeist aus Europa und den USA. Immer stärker machen sich aber auch Verlage und Autoren aus Asien und dem australischen Raum bemerkbar, darunter in diesem Jahr fünf preisgekrönte Verlage aus Korea, die den geschätzt 150 000 Messebesuchern ihr Programm in einem eigenen, von der koreanischen Regierung bezahlten Länderpavillon präsentierten.
Auch die Neuheiten waren so zahlreich wie nie: 550 neue, nach wie vor überwiegend aus Deutschland stammende Spiele gab es von Donnerstag bis Sonntag kennenzulernen und auszuprobieren. Doch zumindest auf den ersten Blick drängten sich nur wenige Titel auf. Thematisch bestimmen dabei nach wie historische Spielhintergründe das Bild. Den umgekehrten Weg geht Parker mit Risiko, das in seiner neuesten Ausgabe jetzt vor zeitgenössischem Hintergrund spielt.
Keine „Spiel“ wäre komplett ohne die vielen kleinen Extras wie Gebrauchtspiele-Basar und Mitmach-Aktionen. Dazu bot sich die Gelegenheit zu Autogrammstunden mit Prominenten wie Steve Jackson (mittleres Bild) oder Wolfgang Hohlbein. Etliche Verlage boten darüber hinaus Gratis-Spielergänzungen und andere Nettigkeiten an, die eine Messe erst so richtig zum Paradies für Jäger und Sammler machen.
Gesellschaftsspiele
Kosmos bleibt sich treu: Gleich zwei Literaturspiele haben die Stuttgarter im diesjährigen Neuheitenprogramm. Zum einen Der Hexer von Salem von Michael Rieneck, das auf Wolfgang Hohlbeins gleichnamiger Gruselromanserie basiert. Zum anderen Der Schwarm vom Erfolgsduo Michael Kiesling und Wolfgang Kramer – das Spiel zum Öko-Thriller von Bestsellerautor Frank Schätzing.
Dazu gibt es für Siedler-Fans und all jene, die es noch werden wollen, die Deutschland Edition (links im Bild) – einen eigenständigen Ableger der inzwischen vielköpfigen Spielfamilie, bei dem wir in den Landschaften der Bundesrepublik Rohstoffe sammeln, Straßen bauen und Wahrzeichen errichten.
Bei Hans im Glück ist es Carcassonne, das in immer wieder neuen Varianten zum Neuentdecken einlädt. Carcassonne Mayflower von Klaus-Jürgen Wrede lässt uns auf Basis der bekannten Regeln die neue Welt besiedeln. Ein neuer Spielmechanismus sorgt dafür, dass wir zügig den Treck nach Westen antreten – und endlich nutzlos gewordene Spielsteine zurückbekommen.
Auch bei Ravensburger ist jetzt Literatur im Spiel, wie bei Kosmos im quadratischen Schachtelformat. Der Name der Rose von Stefan Feld lässt uns bis zuletzt im Unklaren darüber, welcher Mönch in wessen Auftrag unterwegs ist. Da ist beim Setzen der Spielfiguren Zurückhaltung angesagt, sonst bringen wir die Mitspieler auf unsere Fährte. Eine Video-Spielanleitung im Internet soll ungeübten Spielern den Einstieg erleichtern.
Mit der Altersempfehlung „ab 14“ richtet sich Das Spiel der Namen von Patrick Rasten, eher untypisch für Ravensburger, an einen erwachsenen Spielerkreis. Regeltechnisch ein relativ einfaches Rätselraten, soll es uns die Herkunft bekannter und weniger bekannter deutscher Namen erklären. Die Fakten zum Spiel lieferte Professor Udolph, Autor vom „Buch der Namen“.
Der doppelseitige Spielplan bürgte schon auf der Neuheitenschau am Pressetag dafür, dass Im Schutze der Burg (mittleres Bild) von Inka und Markus Brand nicht unbemerkt blieb: Mit den Standard-Regeln errichten wir in sommerlichem Grün eine stattliche Burg. Die Profi-Regeln machen das Spiel um einiges härter. Da ist es nur folgerichtig, dass der Spielplan eine karge, eisige Winterlandschaft zeigt.
Bewusst einfach gehaltene Spielregeln erlauben auch Gelegenheitsspielern, am Bau der Via Romana mitzuwirken. Die Herbstneuheit im Goldsieberprogramm aus der Feder von Christian Fiore und Knut Happel soll dennoch genug taktische Möglichkeiten bieten, um den Aufbau des römischen Straßennetzes auch für alte Hasen, pardon: lepi veterani, interessant zu machen.
Rennspiel mal anders: Am Wind River (rechts im Bild) von Dirk Liekens (Argentum Verlag) geht’s nicht darum, in kürzester Zeit den meisten Sprit zu verbraten, sondern seinen Indianerstamm schnell und satt durch die Jagdgründe zu bringen. Dazu folgen wir mit unseren Tipis dem Zug der Büffel durch die Prärie. Schon die Startaufstellung lässt viele taktische Freiheiten. Aber nutzen wir sie weise. Sonst werden die ersten die letzten sein.
Abenteuerspiele & Wargames
Wie jeden Herbst wartet Games Workshop mit der runderneuerten Neuauflage eines Klassikers auf, und dieses Jahr ist wieder einmal Warhammer 40 000 an der Reihe: Sturmlandung auf Black Reach schickt uns mit einer bis zum Bersten gefüllten Schachtel in den epischen Kampf zwischen Space Marines und Space Orks. Anders als der Vorgänger Kampf um Macragge ist das Einführungsheft eng mit dem ebenfalls beiliegenden, vollständigen Regelwerk verzahnt. Dafür wurde diesmal auf die Einsteiger-Szenarios verzichtet.
Regeltechnisch bringt die neue Box eher kosmetische Änderungen. Ganz anders die mitgelieferten Truppen: Für 60 Euro bekommt man außer Regelbüchern und allerlei Spielmaterial zwei vollständige Armeen – eine Space-Marine-Streitmacht, bestehend aus einem taktischen Trupp plus Terminator-Einheit, Cybot und Captain, sowie eine Orkhorde inklusive drei Killa-Kopta-Kampfhubschraubern, einem „Waagh-Boss“, fünf Bossen und zwanzig „Boyz“. Alle Miniaturen sind fein detailliert und lassen sich auch von ungeübten Bastlern leicht zusammenstecken.
Ist es ein Brettspiel? Ist ein Rollenspiel? Die Antwort ist ein klares, zweifaches Jein. Ein Mord ist geschehen. Nur ein Spieler ist der Täter, aber alle stehen unter Verdacht. Drum schickt sie Autor Theo Aitken (mittleres Bild, in Sträflingskluft) in seinem Erstling Accused! („Beschuldigt!“, erschienen im Eigenverlag „Twisted Winds“) auf die atemlose Jagd nach einem wasserdichten Alibi – selbst wenn sie dafür töten müssen. Doch die passenden Alibikarten helfen am Ende nur bedingt, denn über Schuld oder Unschuld entscheidet eine Jury aus Mitspielern. Wohl dem, der die unvermeidlichen gegenseitigen Anschuldigungen nicht auf die Spitze getrieben und sich eine plausible Story zurechtgelegt hat…
Wenn die Sterne richtig stehen, kehren die finsteren Götter aus Howard Phillips Lovecrafts Cthulhu-Mythos auf die Erde zurück. Als sterbliche Kultisten wollen (und können) wir aber natürlich nicht so lange warten, darum helfen wir den Sternchen ein wenig auf die Sprünge. Wer die Sternenkarten zum richtigen Muster anordnet, hilft der Gottheit seines Vertrauens in unsere Welt. Die Sterne stehen richtig (rechts im Bild) von Klaus Westerhoff ist bei Pegasus erschienen. Die drolligen Illustrationen stammen von François Launet.
Pilot Games hat zur „Spiel ’08“ gleich zwei Erweiterung für das sensationelle Luftkampfspiel Duell im Dunkeln („Duel in the Dark“) vorgestellt: Early Nights widmet sich den frühen britischen Bombenangriffen auf das Reich. Der Blister enthält neben neuem Spielmaterial vereinfachte Regeln, mit denen der Spieleinstieg noch leichter wird. Die Spielzeit sinkt dadurch auf rund 20 Minuten.
Als Box erscheint die Expansion Baby Blitz. Mit neu entwickelten Langstreckenbombern und den gefürchteten Vergeltungswaffen kann der deutsche Spieler jetzt den Bombenkrieg nach England tragen. Eine Spielplanerweiterung für Süd- und Ost-England liegt bei.